5. Weltmeistertitel für Silke und Arno Fuchs 2003


Bericht in der Esslinger Zeitung vom 11.11.2003


"Gedong, gedong, gedong": der Takt zum Gold


UNTERENSINGEN. Wie oft Silke und Arno Fuchs Rock’n’Roll-Weltmeister geworden sind – das können sie an den Fingern einer Hand abzählen. Freilich: Sollten dies die Sonderschullehrerin und der Zahnarzt im April in Riesa noch einmal schaffen, dann geht das nicht mehr. Am Samstag gelang ihnen in der Karlsruher Europahalle mit der Formation
“Wilder Süden“ dieses Kunststück nämlich bereits zum fünften Mal in Folge.

JÜRGEN GERRMANN

„Erst seit wir dabei sind, klappt es mit dem Gold“, schmunzelt Silke Fuchs und zwinkert mit den Augen, um zu signalisieren: „Bitte nicht so ernst nehmen!“. Aber da ist es schon nach Mitternacht, alle Anspannung ist gewichen, die Heiterkeit der Siegerin blitzt aus Ihrem Gesicht.

Sechs Stunden früher war das noch ganz anders: „Arno ist malad“, seufzt sie da, „Fieber, Mittelohrentzündung – er hat sich flachgelegt“. – Um 19 Uhr beim Einmarsch der Nationen steht er freilich wieder auf den Beinen. 4000 Menschen toben. „La Ola“ wogt durch die Teilnehmer aus 14 Ländern, Samba-Rhythmen heizen die Stimmung auf, Silke wirft Kusshändchen zu den treuesten Fans, unter denen auch Ihre Eltern sitzen. Die Spannung steigt. Aber Bahn brechen darf sie sich noch nicht. Schließlich wollen erst einmal die Europameister im Boogie Woogie ermittelt sein.

Eng geht’s her in der Aufwärmhalle, die die Unterensinger mit den sieben anderen Paaren vom „Wilden Süden“ um 22.15 Uhr betreten. Links turnen schon die Roten der „Vikings“ aus Flensburg, rechts übt „Mickey’s Team“ aus Nimes in Frankreich. Aber die Schwaben quetschen sich schon dazwischen.

„Gedong, gedong, gedong“ – jetzt geht das Flattern los“, verrät Silke und imitiert mit der rechten Handfläche auf der linken Brust ihren Herzrhythmus. Ganz schön heftig.
Aber um 22.20 Uhr steht die Reihe, Hände und Füße fliegen, und auch das Lächeln will gelernt sein. Eine Trainingsjacke nach der anderen fliegt auf die Turnbänke an der Seitenwand der Halle. Alles sieht total locker aus. Schließlich hat man die Vorrunde ja mit riesigem Vorsprung gewonnen. Was soll da schon passieren ? Es kann sehr viel passieren: „Einmal danebengegriffen – und der Titel ist futsch“, weiß auch Silke Fuchs.

Die Schritte sitzen traumhaft, obwohl eine völlig andere Musik als nachher im Wettkampf aus den Lautsprechern dröhnt. Den „Wilden Süden“ ficht das nicht an: „Das ist unsere Choreografie, die sitzt schon im Blut drin“.
Arno gähnt: „Zehn Minuten brauch’ ich doch noch“, seufzt er. Naja, das Schwitzen geht schon ganz gut. Dreimal werden sämtliche Schritte durchgemacht, wirbeln 16 junge Leute in ihren gelb-rot-grün-rosa-hellblau-schwarz-gestreiften Trikots in traumwandlerischer Sicherheit durch den Raum. Aber dennoch: Immer wieder innehalten inmitten des Schritt-Dschungels, sich sammeln, durchschnaufen, zu sich kommen, oder anders: „die Schmetterlinge spüren“.


Silke dehnt sich. Arno sitzt zunächst nur auf dem Boden. Legt die Hände, mit denen er nachher die Mädels nach dem Salto aus unglaublicher Höhe fangen muss, um seine Zehnen, biegt sie nach oben. Ein anderer pumpt in rasantem Tempo Liegestützen. Kurzum: Es geht darum, sich warm zu machen, damit man die Akrobatik, das, was letztlich die Entscheidung bringen wird (denn exzellent tanzen können alle im WM-Finale) proben kann. Aber man darf auch nicht zu schnell warm werden: „Sonst wird die Spannung durch den Leerlauf bis zum Auftritt wieder aufgefressen“, erklärt Silke.

Der Trainer der Franzosen redet und redet und redet. Böblingens Coach Kurt Beierle gehört eher zu den Stillen im Lande, er beschränkt sich darauf, seine Leute zur Ruhe zu mahnen, die Konzentration hochzuhalten, ihnen den Glauben an die eigene Stärke zu vermitteln. Das reicht: „Wir wissen, was wir tun müssen. Wir proben in dieser Phase grundsätzlich nichts von unserem Bild mehr, laufen keine Wege ab, stellen keine Diagonalen. Hier in der engen Halle sind doch sowieso ganz andere Verhältnisse als draußen auf dem Parkett. Und was wir heute nicht können, das lernen wir jetzt sowieso nicht mehr“, sagt Silke. „Arno, bis du so weit?“
Ja, der ist’s, doch der Trainer bremst: „Langsam, langsam, geht nicht so schnell in die Akros rein.“ Also: noch mal sammeln, Augen zu, dem Atem nachspüren, die eigene Mitte finden. Und plötzlich wirbelt Silke doch in affenartiger Geschwindigkeit um Arnos Hals. Unmittelbar daneben saust eine junge Französin fast zu Boden. Entsetzt schlägt die Schwäbin die Hände vors Gesicht. Jawohl, Rock’n’Roll ist eine gefährliche Sportart. Zumindest in dieser Leistungsklasse.

Aber es gibt keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Arno schleudert Silke hoch in die Luft, die rutscht ihm den Buckel runter und kommt dann durch die Beine des Herrn Gatten wieder zum Vorschein. Ja, es sitzt alles. Bald gilt’s. Auf dem Parkett.
Draußen auf der Tribüne hat sich Unterensingens Schultes Sieghart Friz die von seiner Frau Susanne selbst gemachte Krawatte mit dem Ortswappen gelockert, auch das Jackett muss runter. Das Rock’n’Roll-Fieber steigt auch in den beiden.

„Jetzt geht’s lo-hos“: Die Uhr zeigt 23.37 Uhr, als die Europahalle in ein Tollhaus verwandelt wird. Der „Wilde Süden“ scheint die Höhle des badischen Löwen gekapert zu haben. Hunderte von Menschen im Beach-Look sitzen da. Schleifchen im Haar, „WS“ auf die Bäckchen gemalt, es wird getrommelt, als wäre Manolo vom Gladbacher Bökelberg mit von der Partie.
Silke und Arno tanzen ganz vorne und versetzen die Halle mit in Verzückung. Als Status Quos Cover-Version des Beach-Boys-Hits „Fun Fun Fun“ anhebt, gibt es kein Halten mehr: Eine Jubel-Woge überrollt die andere, Beifalls-Stürme treiben die Truppe voran, des Applauses Brandung will nicht mehr enden. Wie beim Surfen.

Drei Minuten und zwei Sekunden Höchstleistungs-Akrobatik, dann Ausmarsch, dann ist klar: Das kann niemand mehr Toppen. Auch nicht die Lokalmatadore aus Karlsruhe, die „Golden Fifties“, die prima kämpfen und auch Rock’n’Roll vom Feinsten zeigen.
Hubert Vallazza aus Österreich, Domagoj Stimac aus Kroatien, Richard Amar aus Frankreich, Daniella Durdovicova aus der Slowakei, Frank Gerhardt aus Deutschland, Martin Bokke aus den Niederlanden und Primo Polletto aus Italien sind die Wertungsrichter. Und sie zeigen dem „Wilden Süden“ siebenmal die „1“. Zum ersten Mal an diesem Abend sind sie sich völlig einig, nie gab es eine solche Traumnote. „Siebenmal die Eins – trotz eines Patzers bei der Wickelfigur in der Mitte. Das ist unglaublich“, kann es Arno Fuchs gar nicht fassen.

Und jetzt gibt es kein Halten mehr. Jetzt wird getanzt. Freestyle. Vor Glück. Von einer Umarmung zum nächsten Kuss und wieder zurück.

„Ganz toll, Superleistung“, strahlt auch Unterensingens Bürgermeister und schlägt den beiden auf die Schulter. Jetzt kann gefeiert werden. Bis in den Morgen.

„Gedong, gedong, gedong“: Es hat sich gelohnt. Das war der Takt zum fünften Gold.

Wer Silke und Arno Fuchs bei ihrem Triumph erleben möchte, der kann dies am Samstag, 06. Dezember im SWR-Fernsehen: Von 16.30 bis 17.30 gibt es im Rahmen der Sendung „Sport Südwest“ eine Aufzeichnung der Titelkämpfe.